Von der politischen Bühne, dem Politikspiel und der Wahlkampfwaffe
Wenn wir von der „politische[n] Bühne“, dem „Politikspiel“ oder der „Wahlkampfwaffe“ (Baldauf, 1997, S. 186f. & 214; Herv. i. O.) sprechen, zeigt das vor allem eins: Über Politik sprechen heißt, in Metaphern zu sprechen. Mehr noch: Konzeptuelle Metaphern wie POLITIK IST THEATER, POLITIK IST SPIEL oder POLITIK IST KRIEG lassen erkennen, dass in den Bildern unserer Sprache immer schon Ambiguität angelegt ist. Ambiguität ist eine grundlegende Eigenschaft der Sprache (vgl. Klein & Winkler, 2010) und von Bildern (vgl. Bentwich & Gilbey, 2017). Als Sprach-Bild ist deshalb auch die Metapher ambig.
Leben in Metaphern
Doch was sind Metaphern eigentlich? Metaphern strukturieren nicht nur, wie wir sprechen, sondern auch, wie wir denken und handeln – ein Leben in Metaphern (Lakoff & Johnson, 2021). Sie lassen uns Abstraktes verstehen, Vertrautes neu denken und führen uns zu Erkenntnissen (vgl. Jäkel, 2003, S. 41). Gerade das macht Metaphern für Bildungsprozesse bedeutsam.

Eine Metapher überträgt Erfahrungen aus einem konkreten, oft erfahrungsnäheren Bereich – etwa Theater, Spiel oder Krieg – auf einen komplexen, abstrakteren Bereich wie die Politik (vgl. Baldauf, 1997, S. 15ff.). Dabei hebt sie bestimmte Aspekte hervor und blendet andere aus – Highlighting und Hiding (vgl. Lakoff & Johnson, 2021, S. 18ff.).
Am Beispiel erklärt: POLITIK IST THEATER holt die notwendige Öffentlichkeit und Sichtbarkeit politischen Handelns ins Licht, ihre Ernsthaftigkeit und Seriosität bleiben dabei im Dunkeln.
Abbildung 1 macht diesen Mechanismus sichtbar. Das Licht, in dem Politik erscheint, spendet das Theater. Was im Lichtkegel liegt, wird als Aspekte von Politik durch die Metapher hervorgehoben. Andere Aspekte von Politik, die außerhalb des Lichtkegels liegen, verbleiben ungesehen im Schatten der Metaphorik (vgl. Männer, o. J.).
Damit erzeugt jede Metapher ihre eigenen Lesarten und verdeckt zugleich, was eine andere Metapher gerade sichtbar machen würde.
Metaphern und Ambiguität
Warum sind Metaphern ambig? Die Definition von Ambiguität im ACES-Framework hilft bei der Antwort:
„Ambiguity refers to a property of situations, information, or signs themselves: a situation is ambiguous when it admits of more than one legitimate interpretation, when relevant information is contradictory or incomplete, or when the categories required for orientation are themselves contested.“ (Gloe & Männer, i. V.; vgl. auch Heindl & Gloe, 2026)
Das trifft auch auf die Metapher zu: Ambiguität ist eine Eigenschaft der Metapher selbst. Sie ist ambig, weil sie mehr als eine legitime Interpretation zulässt und die metaphorische Übertragung selbst stets unvollständig ist. Wie ein Bild lässt sich auch eine Metapher nur umschreiben, nicht aber vollständig beschreiben (vgl. Krämer, 2003, S. 513). Und wie bei einem Bild entsteht die Bedeutung der Metapher erst im Wahrnehmen, Denken und Sprechen über sie – statt in ihr selbst festzustehen (vgl. Hoffmann, 2021, S. 177). Die Metapher lässt sich also nicht auf eine Lesart reduzieren. Und sie bleibt immer nur ein unvollständiger Ausschnitt, weil sie bestimmte Aspekte hervorhebt und andere ausblendet.
Auf den Spuren der Ambiguität: Metaphern im Unterricht erforschen
Wie kann diese Ambiguität für Lernende erfahrbar werden? Indem sie Metaphern und ihre Ambiguität mithilfe der Metaphernanalyse (Schmitt, 2017) selbst erforschen. Die Forschungsmethode kann für den Unterricht aufbereitet werden (vgl. Männer, 2024, S. 142). Schüler:innen durchlaufen den Forschungsprozess selbst: Sie analysieren, kategorisieren und interpretieren Metaphern (verkürzt nach Schmitt et al., 2018). In welchen Metaphern wird Politik repräsentiert? Welche metaphorischen Konzepte können wir zusammenstellen? Was heben sie hervor, was blenden sie aus? Und was zeigt uns ein Vergleich verschiedener metaphorischer Konzepte? Diesen Fragen können Schüler:innen selbst auf die Spur gehen. Dazu eignet sich prinzipiell jede Form des Textes – Zeitungsartikel, politische Reden, Social-Media-Beiträge. Selbst die Metaphorik im eigenen Klassenzimmer können Schüler:innen erforschen: Schulbücher, Unterrichtsmaterialien und -notizen, oder auch Interviews, die die Lernenden gegenseitig führen.
Angewendet im Unterricht löst die Metaphernanalyse zentrale didaktische Prinzipien ein, die den Umgang mit Ambiguität fördern:
- Prinzip der Offenheit und Nicht-Geschlossenheit: Die Metaphernanalyse setzt auch im Unterricht eine offene Forschungshaltung voraus. Ihre Antworten sind nicht beliebig, sondern Ergebnis der regelgeleiteten Anwendung der Methode. Offen bleiben die daraus gewonnenen Lesarten selbst: Lernende können zu unterschiedlichen Interpretationen kommen, Lesarten nebeneinanderstellen und vergleichen, statt sich auf eine einzige zu verengen.
- Prinzip der Produktiven Irritation: Schon das Identifizieren von Metaphern kann zu Irritationen führen – etwa, wenn ihre Häufigkeit zeigt, wie sehr Sprache von Metaphern durchzogen ist. Auch der Abgleich mit anderen Interpretationen kann irritieren, wenn diese von der eigenen abweichen. Produktiv wird die Irritation, wenn daraus weiteres Nachdenken entsteht, statt vorschneller Abwehr.
- Prinzip der Reflexivität: Mit der Metaphernanalyse können Schüler:innen selbst erforschen, wie Metaphern das eigene Wissen, Urteilen und Deuten von sich und der Welt prägen. Der Vergleich mit anderen Interpretationen macht dabei sichtbar: Die eigene Sicht ist nur eine mögliche unter mehreren und davon abhängig, von wo aus ich schaue.
(vgl. zu den didaktischen Prinzipien Gloe & Männer, i. V.)
Drei Scheinwerfer auf Politik
Theater, Spiel, Krieg – diese drei gängigen Metaphern für Politik leuchteten schon zu Beginn auf. Legt man sie nebeneinander, wird sichtbar, wie unterschiedlich sie denselben Gegenstand erhellen (siehe Abbildung 2).

Jeder dieser drei Scheinwerfer ist, wie gezeigt, für sich genommen schon ambig: Keine der Metaphern legt eine einzige Lesart fest. Zusammen genommen zeigen sie: Auch mehrere Metaphern fügen sich nie zu einem vollständigen Bild zusammen und doch sind sie reicher als der Begriff, den sie erschließen. Ein abstrakter Begriff wie Politik erscheint damit als etwas, das sich der Eindeutigkeit auf mehreren Ebenen zugleich entzieht: in jeder einzelnen Metapher und im Nebeneinander vieler. Und doch bringen Metaphern Licht ins Dunkle – trotz oder vielleicht wegen ihrer Ambiguität.
Praxismaterial: Vorlagen zur Arbeit mit Metaphern
Hier finden Sie zwei Vorlagen für die praktische Arbeit mit Metaphern – entstanden in der eigenen Lehrpraxis und erprobt sowohl mit Schüler:innen als auch mit Studierenden.
Literatur
- Baldauf, C. (1997). Metapher und Kognition: Grundlagen einer neuen Theorie der Alltagsmetapher. P. Lang.
- Bentwich, M. E., & Gilbey, P. (2017). More than visual literacy: Art and the enhancement of tolerance for ambiguity and empathy. BMC Medical Education, 17(1), 200. https://doi.org/10.1186/s12909-017-1028-7
- Gloe, M., & Männer, V. (i. V.). Ambiguity Competence for Education and Society (ACES)—Framework. https://aces-project.eu
- Heindl, F., & Gloe, M. (2026). Rethinking Democratic Citizenship Education: Ambiguity Tolerance as a Neglected Future Competence. 1457–1467. https://doi.org/10.22492/issn.2186-5892.2026.111
- Hoffmann, K. (2021). Doppelte Bildlektüren (mindestens). Zur komplexen Vermittlung der Moderne im Kunstunterricht am Beispiel der Ausstellung museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne (2018/19). In A. Schnurr, S. Dengel, J. Hagenberg, & L. Kelch (Hrsg.), Mehrdeutigkeit gestalten: Ambiguität und die Bildung demokratischer Haltungen in Kunst und Pädagogik (1st ed, S. 175–192). transcript.
- Jäkel, O. (2003). Wie Metaphern Wissen schaffen: Die kognitive Metapherntheorie und ihre Anwendung in Modell-Analysen der Diskursbereiche Geistestätigkeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion. Kovač.
- Klein, W., & Winkler, S. (2010). Einleitung. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Themenheft: Ambiguität, 40(158), 5–6.
- Krämer, S. (2003). Sagen und Zeigen. Sechs Perspektiven, in denen das Diskursive und das Ikonische in der Sprache konvergieren. Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge, 13(3), 509–519.
- Lakoff, G., & Johnson, M. (2021). Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern (A. Hildenbrand, Übers.; Zehnte Auflage). Carl-Auer Verlag.
- Männer, V. (2024). Völlig losgelöst, Major Tom? Das Imaginäre der Mensch-Tier-Umwelt-Verhältnisse in Bildungsmaterialien – eine Metaphernanalyse. In Beziehungsweisen von Mensch, Tier und Umwelt. Springer VS.
- Männer, V. (o. J.). ’Ich habe, wenn ich über Demokratie nachdenke, direkt so ein Bild im Kopf’—Metaphern der Demokratie im Denken von Schüler:innen [Unveröffentlichtes Dissertationsmanuskript]. Ludwig-Maximilians-Universität München.
- Schmitt, R. (2017). Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-13464-8
- Schmitt, R., Schröder, J., & Pfaller, L. (2018). Systematische Metaphernanalyse. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21460-9
